Dienstag, 25 Juni 2019

2014 - Eindrücke (P. Lehar)

Einer Jugendbewegung auf den Zahn gefühlt

Pfadfinden assoziieren die meisten mit Lagerfeuer, Zeltlager und Abenteuer. Sie zeichnet sich oft mehr durch Erleben und aktiv sein aus als durch Diskutieren und wissenschaftliche Reflexionen. Die Pfadfinderbewegung scheint ein wahrer Überlebenskünstler zu sein, und die Pfadfinderpädagogik prägte zahlreiche Menschen in ihrem Leben und strahlte weit über die eigenen Reihen hinaus.

Nach zwei Tagungen 2010 und 2012 in Zusammenarbeit mit der Phillips-Universität Marburg luden nunmehr die Johannes Gutenberg Universität Mainz und der Pfadfinder Hilfsfond e.V. zur 3. Fachtagung Pfadfinden ein. Zum Gelingen beigetragen hatte auch die (finanzielle) Unterstützung durch den Verband der Altpfadfindergilden. Die Initiative traf den Nerv der Zeit. 120 Teilnehmende und ReferentInnen folgten der Einladung in das Jugendgästehaus Mainz. Mit dabei junge und alte PfadfinderInnen aus verschiedenen Gruppen und Verbänden, aber auch andere Interessierte sowie Wissenschaftler aus dem In- und Ausland waren vertreten.

In drei Sektionen beleuchteten die Vortragenden das Tagungsthema „Pfadfinden weltweit. Verortung einer transnationalen Bildungsidee und Jugendbewegung“. Nach Begrüßung und Eröffnung durch den wiss. Leiter der Tagung, Prof. Dr. Matthias D. Witte, Mainz, führte Hartmut Keyler aus München, einer der prominentesten Akteure der deutschen und internationalen Pfadfinderbewegung, lebhaft und unterstützt durch Karikaturen aus eigener Feder, ein in die Entwicklung der World Organization of the Scout Movement (WOSM) und der Pfadfinderei in Deutschland. Expertise aus dem Quellenmaterial seines Privatarchivs sowie aus dem VCP-Archiv floss ebenso ein, wie persönliche Erlebnisse.

Annette Scheunpflug von der Universität Bamberg, selbst lange Jahre aktiv im Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, stellte Samstag morgen ihre Forschungen vor, wie Jugendliche in Begegnungsreisen das Andere und die Weltgesellschaft wahrnehmen. Eigentlich wollte sie sich nie wissenschaftlich mit der Pfadfinderbewegung befassen, nun aber hatte es sie und ihre Kollegin in diesem Forschungsprojekt von hinten erwischt. Denn neben anderen (Schulen, Kirchen, Chören, Verbänden) führen auch PfadfinderInnen internationale Jugendbegegnungen durch.

Nach diesem Blick in die Weite richtete Marius Harrig von der Universität Mainz den Blick auf zwei sozial benachteiligte Stadtteile in Bremen und zeichnete einen steinigen Boden für die Pfadfinderarbeit nach. In einer Kooperation von Schule und Pfadfinderverband sah er große Chancen für beide Bildungsträger.

Wilfried Breyvogel aus Essen stellte die Symbole und Embleme der Pfadfinder und Wandervögel im Deutschland des 20. Jahrhunderts in den Vordergrund. Und er ging unter anderem der Frage nach, ob die Pfadfinder ein selbstständiger Teil der Jugendkultur seien? Den Hintergrund für seinen Blick auf die Symbole bildete Ernst Cassirer mit seinem magischen Kosmos.

Vor der Mittagspause holte die Vorstellung des Projekts „Scouting Train 2014“ alle wieder zurück ins Praxisfeld und zeigte ein Leuchtturmprojekt der gegenwärtigen Pfadfinderarbeit auf. Wilfried Ferchhoff verhinderte mit seinem lebendigen und engagierten Vortrag den ungewollten Mittagsschlaf und nahm seine Zuhörer mit auf eine Reise durch die verschiedenen Jugendkulturen im Lauf der Zeit.

Sonja Werle fokussierte wieder auf die Pfadfindermethode und richtete ihren Blick auf die Kernelemente der Pfadfinderarbeit nach WOSM und ordnete die Pfadfinderbewegung ein in die amerikanische Reformpädagogik. Unter anderen hob sie den im deutschsprachigen Raum oft zu unrecht vergessenen Ernest Thompson Seton hervor. Ihr Vortrag richtete den Blick hinaus in die Welt nach Finnland, Hongkong und Äthiopien.

Jörg Brandmayer sprach über Homophobie bei den Boy Scouts of America. Inhaltlich blieb er aber nicht nur in den USA, sondern erzählte sehr authentisch von eigenen Erfahrungen in seinem Pfadfinderverband und von Beispielen aus der deutschen Gesellschaft. Sehr überzeugend warb der Wiesbadener für eine Kultur des Miteinanders.

Etwas trockener, aber nicht weniger spannend sprach Gideon Botsch aus Potsdam über Nationalismus und Militarismus in der Pfadfinderbewegung. Sein inhaltlicher Schwerpunkt lag dabei auf Deutschland.

Am Sonntag gaben Cheikh Khaled Bentounes und Mitglieder des Bundes Moslemischer Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BMPPD) Einblick in die Pfadfinderarbeit der moslemischen Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Frankreich und Deutschland. Cheikh Khaled Bentounes zeigte an Beispielen aus Frankreich ebenso deutlich wie das Projekt „Flamme der Hoffnung“ des BMPPD mit der „Charta des friedlichen Zusammenlebens“, dass Pfadfinder auch heute in Europa zu einem Miteinander der Kulturen beitragen können.

Mit einer kurzen Abschlussdiskussion schloss der inhaltliche Teil der Tagung. Trotz der zahlreichen Vorträge, Diskussionen und Pausengespräche blieben natürlich offene Fragen.

Während des Tages rauchten die Köpfe, abends beim gemütlichen Beisammensein fand ein reger Austausch statt. Lieder erklangen und manch alter Pfadfinder fühlt sich versetzt in die Tage seiner Jugend.

Am Sonntagmittag beim Abschiedskreis freuten sich viele bereits auf die 4. Fachtagung 2016. Mit Spannung wird der Tagungsband erwartet, der im Springer-VS Verlag erscheinen wird. Er wird alle Vorträge und weitere Erkenntnisse aus der Tagung beinhalten. Damit müssen aber alle Teilnehmer noch bis zum Jahreswechsel Geduld haben.

Mag. Philipp Lehar, Tagungsteilnehmer

 

 

 

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