Sonntag, 04 Dezember 2022

Vorträge 2021

Blogartikel

Dieser Blogartikel enthält die Dokumentation der Fachtagung Pfadfinden 2021

Die Texte wurden samt Bildern auch auf unserer Facebook-Seite und in unserem Instagram-Profil veröffentlicht. Auf Instagram sind in den Highlights auch Interviews mit den Referent*innen und Teilnehmenden zu finden, hier lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch.

Inhalt:

  • Begrüßung und Eröffnung
  • Demokratiebildung im Jugendverband – Prof. Dr. Elisabeth Richter
  • Rechtspopulistische und -extreme Orientierungen in Jugendverbänden – Prof. (em.) Dr. Benno Hafeneger
  • Friede, Demokratie, Umwelt, Diversität – Globale Herausforderungen in der Pfadfinder*innenpädagogik – Philipp Lehar & Ernst M. Felberbauer
  • Politische Einstellungen und politisches Interesse Jugendlicher: Ergebnisse der Shell-Jugendstudien – Ulrich Schneekloth
  • Workshop: Diversität, Inklusion und Integration als Herausforderungen für die Pfadfinderarbeit/Verbandsarbeit: Praxisberichte und perspektivische Herausforderungen – Angela Ströter
  • Workshop: Friedensarbeit in Pädagogik und Programm der Verbände – ein internationaler Vergleich – Philipp Lehar & Ernst M. Felberbauer
  • Workshop: Ein Blick zurück: Demokratie als Herausforderung für das Pfadfinden 145-1961 – Max Zeterberg, Christina Hunger & Hendrik Knop
  • Workshop: Kolonialismus und Pfadfinden – Andrea „Fuchs“ Ries und Lukas Kison
  • Abendprogramm: Improvisationstheater
  • Zwischen informellem Demokratielernen und nonformaler politischer Bildung – Jugendverbände in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung – Thomas Gill
  • Demokratiebildung konkret: Potenziale. Probleme. Perspektiven. – Prof. Dr. Rolf Ahlrichs
  • Podiumsdiskussion zu den Erkenntnissen der Fachtagung
  • Abschluss

  Begrüßung und Eröffnung

Es geht endlich los! Jörg Krautmacher eröffnet die Fachtagung und heißt alle Teilnehmenden herzlich willkommen. Er betont, dass wir vom Team sehr froh sind, dass die Fachtagung trotz Corona-Pandemie stattfinden kann. Nach einer Teamvorstellung übergibt er das Wort an die wissenschaftliche Leitung, die das Thema der diesjährigen Fachtagung einleitet. Wir wollen in den nächsten Tagen über Partizipation und Demokratie in Jugendverbänden diskutieren und dabei auch selbst reflektieren, wie wir demokratisch handeln. Wir freuen uns darauf und halten euch auf dem Laufenden!

   Demokratiebildung im Jugendverband – Prof. Dr. Elisabeth Richter

Den Eröffnungsvortrag hält Frau Prof. Dr. Elisabeth Richter. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der interkulturellen Bildung mit einem Fokus auf Demokratiebildung und Partizipation, den sie im Rahmen des Forschungsprojekts „Demokratiebildung in Kindertageseinrichtungen“ der Universität Hamburg vertiefend bearbeitet hat. Seit Mai 2021 leitet Elisabeth Richter zusammen mit Prof. Dr. Wibke Riekmann das dreijährige Forschungsprojekt „Demokratische Partizipation Jugendlicher auf dem Lande. Potenziale und Perspektiven des ehrenamtlichen Engagements in Jugendverband und Kommune" (DemoParK). In ihrem Vortrag spricht sie darüber, wann Partizipation zu Demokratie wird. Dabei regt sie die Teilnehmenden der Fachtagung dazu an, einmal nachzudenken: Wann bin ich Demokrat*in geworden? Wie viel partizipative Demokratie gibt es in meinem Jugendverband? Sie bringt dazu empirische Ergebnisse aus der Forschung mit, die zeigen: Es ist noch Luft nach oben. Das strukturelle Potenzial der deutschen Jugendverbände ist noch nicht ausgeschöpft, dabei bieten sie so gute Möglichkeiten. Sie begreifen sich sogar selbst als „Werkstätten der Demokratie“, indem sie politische und gesellschaftliche Themen aufgreifen und sie in den öffentlichen Diskurs einbringen. Sie wollen dank Selbstbestimmung und Selbstorganisation Gestaltungsräume für junge Menschen sein. Frau Prof. Dr. Richter stellt vor, wie Demokratie in Jugendverbänden strukturell gelebt werden kann und gibt damit wertvolle Anregungen für die Pfadfinder*innenarbeit vor Ort. In der an den Vortrag anschließenden Diskussion wurden Themen wie die Grenzen von Demokratie, der Workload von Gruppenleitungen und die Wichtigkeit der Partizipation von Kindern trotz Unbequemlichkeit besprochen.

  Rechtspopulistische und -extreme Orientierungen in Jugendverbänden – Prof. (em.) Dr. Benno Hafeneger

Der Fachtagungs-Samstag beginnt mit einem Vortrag von Prof. (em.) Dr. Benno Hafeneger, dessen Forschungsschwerpunkt in der Kinder- und Jugendarbeit und in rechtem Populismus und Extremismus liegt. Er spricht über menschen- und demokratiefeindliche Orientierungen, die es nicht nur in Familien, Schulen und der Arbeitswelt gibt, sondern leider auch in Jugendverbänden. Er berichtet von Erfahrungen, die momentan noch empirische Forschung in dem Feld überwiegen und fragt auch die Teilnehmenden nach eigenen Erlebnissen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Zusammenhang mit ihrer Verbandsarbeit. Auch hier ist zu erkennen: Leider gibt es immer wieder Vorfälle, die vor allem junge Gruppenleitungen überfordern. Prof. (em.) Dr. Hafeneger gibt daraufhin Empfehlungen für verbandliche Strategien, um mit solchen Phänomenen umzugehen.

   Friede, Demokratie, Umwelt, Diversität – Globale Herausforderungen in der Pfadfinder*innenpädagogik – Philipp Lehar & Ernst M. Felberbauer

Weiter geht es mit einem Vortrag von unseren Freunden aus Österreich, Philipp Lehar (University of New Orleans Innsbruck International Summer School & Museum Wattens) und Ernst M. Felberbauer (Universität Wien). Sie beginnen mit einer kleinen Zeitreise: Wie wurde Pfadfinden vor 100 Jahren gelebt? Und wie stark unterscheidet sich das von Pfadfinden heute? Wir erkennen: Angesichts der 114-jährigen globalen Historie der Pfadfinder*innenbewegung sind wir Veränderungen gegenüber überraschend resilient. Unsere Kluften, Halstücher und das Lagerleben sind weitestgehend konstant geblieben, was sich allerdings verändert hat, ist die pädagogische Ausrichtung. Dies ist vor allem dem gesellschaftlichen Wandel geschuldet. Lehar und Felderbauer identifizieren in ihrem Vortrag vier „major game changers“, die maßgeblich zu einer Neuausrichtung beigetragen haben:

1) Der Wandel von einer nationalstaatlichen Jugendertüchtigung zu einer weltumspannenden Jugendbewegung

2) Die Umstrukturierung von einem stark hierarchischen Aufbau zu basisdemokratischen Entscheidungsmodellen

3) Das wechselnde Bild von einem Leben im Wunder der Natur zum aktiven Schutz derselben

4) Die veränderte Perspektive von gelebter Toleranz zu betonter Diversität

Dabei fällt auf, dass Offenheit in der Theorie ein wichtiges Thema zu sein scheint, in der Praxis allerdings häufig auf Trägheit und Unverständnis an der Basis stieß. Gleichzeitig sind Pfadfinder*innen aber in ihrer Arbeit schon immer sehr flexibel dabei, sich an gesellschaftliche Problemstellungen anzupassen. Sie greifen aktuelle Themen auf und bringen sie in der sie umgebenden Gesellschaft ein – und fungieren damit in gewisser Weise als Trendsetter*innen. Das zeigt sich auch jetzt ganz aktuell: Die große Rolle der Jugendverbände in der „Fridays for Future“-Bewegung könnte der nächste game changer in der Geschichte der Pfadfinder*innenbewegung sein.

  Politische Einstellungen und politisches Interesse Jugendlicher: Ergebnisse der Shell-Jugendstudien –               Ulrich Schneekloth

Ulrich Schneekloth ist Diplom-Sozialwissenschaftler und forscht primär zur empirischen Lebenslagenforschung und zum gesellschaftlichen Wandel. Dabei leitet er seit 2002 das Expertenteam der Shell Jugendstudien, in denen regelmäßig die Lebenswelt von Jugendlichen erfasst wird. Von deren Ergebnissen vor allem im Hinblick auf politisches Interesse berichtet er in seinem Online-Vortrag auf der Fachtagung. Beispielsweise ist erkennbar, dass umweltbewusstes Verhalten und politisches Engagement in den letzten zehn Jahren für Jugendliche an Wichtigkeit zugenommen haben. Was Populismusaffinität angeht, so ist eine wichtige Erkenntnis, dass dem Populismus und Nationalismus zugeneigte Jugendliche vor allem angeben, dass sie einen starken Kontrollverlust über ihr eigenes Leben spüren. Auch ein generelles Benachteiligungsempfinden und eine Distanz gegenüber Vielfalt konnten als typisch für eine Affinität zum Populismus gemessen werden. Es ist deutlich erkennbar, dass die Bildungsposition viel dazu beiträgt, wo sich Jugendliche auf dem Populismusaffinitäts-Spektrum einordnen. Von den Jugendlichen mit höherer Bildungsposition gehört jeder zweite zu den Weltoffenen oder den Kosmopoliten. Jugendverbände können hier ansetzen und mithilfe von Partizipation und Offenheit auch solche Jugendlichen integrieren, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen. Unsere Arbeit in diesem Feld bisher scheint auch zu fruchten: Als Resümee zieht Schneekloth, dass Jugendliche im Hinblick auf die gesellschaftliche Zukunft zuversichtlicher sind als zuvor und sich nun mehrheitlich an Leistungsnormen im Einklang mit Fairness und Gerechtigkeit orientieren.

  Abendprogramm: Improvisationstheater

Zum lockeren Tagungsausklang kommt uns „Die Affirmative“ besuchen, die ein Improvisationstheater passend zum Thema der Fachtagung aufführt. Wir alle haben unheimlich viel Spaß dabei zuzuschauen, wie geliebte und ungeliebte Sätze von Mit-Pfadfinder*innen humoristisch nachgestellt werden, aus dem Stehgreif eine Hit-CD zu den Workshop-Inhalten entsteht und eine Runde „British Bulldog“ im Figurentheater aufgeführt wird. Am Ende des Abends sind die Schauspieler*innen keine bloßen Dienstleister*innen mehr, sondern zu Freund*innen geworden – ganz wie es bei uns Pfadfinder*innen typisch ist.

11) Zwischen informellem Demokratielernen und nonformaler politischer Bildung – Jugendverbände in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung – Thomas Gill

Thomas Gill ist Leiter der Landeszentrale politische Bildung Berlin. Als Experte für Demokratieförderung erzählt er von der gesellschaftlichen Funktion von Jugendverbänden von heute und gibt dabei auch einen Ausblick auf die Zukunft. Dazu gibt er einen Überblick darüber, wie die internationalen Menschenrechte als Maßstab für die Weiterentwicklung eigener Praktiken und Strukturen genutzt werden können, um auf aktuelle gesellschaftliche Konfliktlinien und Spaltungen zu reagieren. Dieser Impuls wird als Ansatz für die Bedeutung von Demokratielernen und politischer Bildung in der Jugendverbandsarbeit besprochen. Darunter fällt beispielsweise das Recht auf politische Teilhabe von Anfang an, die Anerkennung der menschlichen Autonomie und von Vielfalt – all dies fällt unter die Haltung, die wir als Pfadfinder*innen bereits vertreten wollen und daher stärker forcieren sollten, indem wir Barrieren abbauen und so Teilhabe für alle ermöglichen. Thomas Gill geht hierzu noch auf den Begriff der „Haltung“ ein, welchen er als eine Art „inneren Kompass“ versteht, der uns als Menschen politisch sichtbar macht. Wir als Jugendverbände formen junge Menschen durch demokratisches Leben in der Gruppe und politische Bildung in nonformalen Umgebungen. Dazu betont Thomas Gill, dass wir uns in der Funktion als demokratische und politische Lernorte vergegenwärtigen und reflektieren müssen, sodass wir Orte sein können, wo Kinder und Jugendliche im geschützten Rahmen eine eigene politische Haltung entwickeln können.

  Demokratiebildung konkret: Potenziale. Probleme. Perspektiven. – Prof. Dr. Rolf Ahlrichs

Prof. Dr. Rolf Ahlrichs lehrt an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit und Diakonie/Jugend- und Erwachsenenbildung. Dabei liegen seine Schwerpunkte auf Partizipation und Demokratie in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit, auf partizipativen Forschungsansätzen sowie auf Theorien der Sozialen Arbeit. In seinem Vortrag erzählt er von dem Potenzial der Kinder- und Jugendarbeit, Räume bereitzustellen, in denen demokratische Verhaltensweisen eingeübt, Entscheidungsprozesse erlebt und Verantwortung übernommen werden können. Anhand empirischer Forschungsergebnisse geht er dabei auch auf die Probleme und Herausforderungen der Umsetzung solcher Bildungsprozesse ein. Beispielsweise handeln Jugendverbände noch nicht konsequent nach ihrem Auftrag. Demokratische Strukturen sind zwar vorhanden, aber die Relevanz von Demokratiebildung wird noch kaum erkannt. So zeigen Studienergebnisse, dass sich Mitglieder selten auch außerhalb ihres Verbandes gesellschaftlich engagieren und politisch mitbestimmen. Dazu wird im Plenum diskutiert, wie genau Demokratie aus dem Pfadfinder*innenverband herausgetragen werden kann, da unter anderem gesellschaftliche Hürden sehr hoch erscheinen. Hier gibt Prof. Dr. Rolf Ahlrichs die Anregung, sich auf die Selbstwirksamkeit im kommunalen Rahmen zu besinnen und in der Gruppe aktuelle gesellschaftliche Debatten zu thematisieren.

  Podiumsdiskussion zu den Erkenntnissen der Fachtagung

Nun werden die Ergebnisse der Workshops vorgestellt und diskutiert, moderiert wird die Podiumsdiskussion von Prof. Dr. Wibke Riekmann, die auch Teil der wissenschaftlichen Leitung der Fachtagung ist. Mit ihr auf dem Podium sitzen Chrissi Hunger (Bildungsreferentin beim BdP), Prof. Dr. Helmut Bremer (Teil wissenschaftliche Leitung), Jörg Krautmacher (Leiter des Organisations-Teams und Vorstand des Pfadfinderhilfsfonds), Thomas Gill (Leiter der Landeszentrale politische Bildung Berlin), Prof. Dr. Rolf Ahlrichs (Evangelische Hochschule Ludwigsburg) und Inja Ehlert (Pfadfinderin).

Zunächst geht es um eine Bestandsaufnahme: Wo läuft es bei den Pfadfindern in Bezug auf Demokratie bereits gut? Hier fallen vor allem die Strukturen auf, die unsere Arbeit im Jugendverband prägen. Beispielsweise der Ratsfelsen der Wölflinge und die Stammesversammlung sind ganz klar demokratische Elemente. Allerdings muss hier noch mehr darauf geachtet werden, dass Kinder und Jugendliche, die Interesse an der Mitarbeit haben, nicht von der „Trockenheit“, die vereinsrechtliche Zwänge teilweise mit sich bringen, abgeschreckt werden. Außerdem wird vielerorts beobachtet, dass wir noch nicht ganz so offen für Vielfalt sind, wie wir es gern wären. Es ist deshalb wichtig, Prozesse ständig zu hinterfragen und unser demokratisches Handeln zu reflektieren. Um für neue Menschen offen zu sein, die beispielsweise anders sozialiseirt wurden als der Großteil der Mitglieder eines Verbandes, können sensible Schnupper-Angebote und Patenschaften eingerichtet werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der besprochen wird, ist das Behandeln aktueller Themen aus der Gesellschaft. Für die politische Bildung der Kinder und Jugendlichen ist es wichtig, sowohl das, was sie beschäftigt, als Thema in die Gesellschaft einzubringen als auch das, was gesellschaftlich aktuell relevant ist, an sie heranzutragen und mit ihnen zu besprechen. So werden sie zu mündigen Bürger*innen erzogen, die demokratisch und politisch an der Gestaltung ihrer Lebenswelt teilhaben können.

Zuletzt geht es noch darum, wie politisch oder unpolitisch wir Pfadfinder*innen in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen und damit einhergehend zum Beispiel Demonstrationen sein können oder auch sollten. Dazu ist für alle Diskutierenden ganz klar, dass wir uns politisch positionieren müssen und vor allem die Bildung der Kinder und Jugendlichen wichtig ist. Wenn dabei der Wunsch aufkommt, an einer Demonstration teilzunehmen, dann sollte dem auch nachgegeben werden. Denn politisches Handeln ist definitiv etwas, das zum Pfadfinden dazugehört.

  Abschluss

Das Team der Fachtagung bedankt sich für den tollen Austausch mit allen Referent*innen und Teilnehmenden. Wir sind sehr froh, dass alles so gut funktioniert hat und hoffen, dass jede*r eine gute Zeit hatte und viele Denkanstöße mit nach Hause nimmt. Gut Pfad!

Text: Rebecca Haugwitz

Fotos: Silas Bahr

Zwischen informellen Demokratielernen und nonformaler politischer Bildung – Jugendverbände in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung

Thomas Gill, Berliner Landeszentrale für Politische Bildung

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Rechtspopulistische und -extreme Orientierungen in Jugendverbänden

Benno Hafeneger (Marburg)

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Workshops

  Diversität, Inklusion und Integration als Herausforderungen für die Pfadfinderarbeit/Verbandsarbeit: Praxisberichte und perspektivische Herausforderungen –  Angela Ströter

In diesem Workshop bespricht Angela Ströter mit den Teilnehmenden Möglichkeiten zur Inklusion von Menschen mit Handicaps bei den Pfadfinder*innen. Mit ihrer schwerstmehrfachbehinderten Stieftochter konnte sie bereits viele eigene Erfahrungen sammeln. Ihre Stieftochter war von einem jungen Alter an bei den Pfadfinder*innen und das Dabeisein ohne Wenn und Aber in ihrer Gruppe hat ihr beim Heranwachsen sehr gut getan. Hier liegt auch die Kernerkenntnis für die Teilnehmenden des Workshops: Das Wichtigste ist, Menschen mit Handicaps ganz natürlich in Aktionen einzubeziehen, ohne sie dabei auf ihre Grenzen und Unmöglichkeiten zu reduzieren. Baden-Powell hat „look at the child“ als einen der Grundsätze des Pfadfindens formuliert. Das bedeutet, jedes Kind für seine Stärken und Kompetenzen zu wertschätzen und es sie für die Gruppe nutzen zu lassen. Was man dazu braucht? Nicht viel: Interesse am Pfadfinder*in sein, Menschen, die sich gut verstehen, Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme.

    Friedensarbeit in Pädagogik und Programm der Verbände – ein internationaler Vergleich –                                Philipp Lehar & Ernst M. Felberbauer

Thema dieses Workshops ist zunächst die Pfadfinder*innengeschichte mit besonderem Augenmerk darauf, wie Frieden bei den Pfadfinder*innen gelebt wird. Dazu wird in Gruppen erarbeitet, wie die eigene Verbandsperspektive auf den Frieden ist und welchen Stellenwert dieser beispielsweise in Arbeitshilfen, Schulungen und Aktivitäten hat. Dabei fällt auf, dass es in den verschiedenen Verbänden ganz unterschiedliche Ansätze dazu gibt – von „bloßem“ gelebten Alltag ohne explizite Aussagen bis hin zu einer Erwähnung in der Satzung und Aktionen wie dem Friedenslicht. Daraufhin wird erarbeitet, was mögliche Frieden-gefährdende Konflikte im nächsten Jahr sein könnten und wie wir als Pfadfinder*innen darauf reagieren können. Das Ergebnis: Unsere größte Stärke ist das Herbeiführen wichtiger, prägender Begegnungen, die gegenseitiges Verstehen fördern.

  Ein Blick zurück: Demokratie als Herausforderung für das Pfadfinden 1945-1961 –                                                Max Zeterberg, Christina Hunger & Hendrik Knop

Dieser Workshop beginnt mit einer Reise durch die Pfadfinder*innengeschichte nach dem zweiten Weltkrieg, in der die Alliierten sehr unterschiedliche Ansätze zur Wiederaufnahme des Pfadfindens in Deutschland hatten. Aufgrund der Rolle der Hitlerjugend im dritten Reich wurde Pfadfinden sowohl von einigen Besatzungsmächten als auch von Teilen der Bevölkerung sehr kritisch gesehen und war sogar teilweise in den Besatzungszonen verboten. Die Jugendverbandsarbeit war somit oftmals nur unter dem Deckmantel anderer Organisationen möglich. Trotz aller Schwierigkeiten zeigte sich aber: Die Re-Education (Demokratiebildung) der Alliierten zeigt in der allgemeinen Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche mitbestimmen können sollten, ihre Wirkung. Die Teilnehmenden arbeiten nach dem umfassenden Input mit zwei Quellen zum Demokratieverständnis der Pfadfinder*innen in West- und Ostdeutschland. Für den Osten wird die Fahrtenchronik von 1954 des Stammes Dietrich Bonhoeffer aus Berlin-Adlershof herangezogen, in der es vor allem um das Verhältnis von Staat, Kirche und Stamm geht. Für den Westen wird eine Ausgabe der Zeitschrift „Auf neuem Pfad“ von der CPD von 1952/53 untersucht, in welcher eine Stellungnahme zum neu gegründeten Staat und dem Demokratieverständnis der Autor*innen abgedruckt wurde. Die Ergebnisse sind sehr ambivalent, was den Teilnehmenden aufgrund der turbulenten Geschichte, die die Mitglieder bis dorthin erlebt hatten, nachvollziehbar scheint.

  Kolonialismus und Pfadfinden – Andrea „Fuchs“ Ries und Lukas Kison

Dieser Workshop ist ein Ergebnis der AG Kolonialismuskritik des BdP. Um die Teilnehmenden auf einen fruchtbaren Austausch vorzubereiten, wird zunächst eine Einführung in den Postkolonialismus als Wissenschaft und Widerstandsform gegeben. Dabei muss vor allem beachtet werden, dass Geschichte hauptsächlich die Geschichte der Herrschenden ist und daher hinterfragt werden sollte, wie sie erzählt wird und welche Perspektiven zum Beispiel ausgelassen werden. Danach geben Fuchs und Kison einen Überblick über die Kolonialgeschichte und dem damit verbundenen Rassismus und erzählen, was das Ganze überhaupt mit uns Pfadfinder*innen zu tun hat. Beispielsweise war unser Gründer, Robert Baden-Powell, im Militär im kolonialisierten Indien, Süd- und Westafrika stationiert und wurde während dieser Zeit durch die militärischen „Scouts“, die feindliche Lager auskundschafteten, zur Gründung unserer Jugendbewegung inspiriert. Außerdem war Rudyard Kipling, Autor des Dschungelbuchs, ein bekannter Unterstützer des britischen Imperialismus‘. Das Dschungelbuch hatte maßgeblichen Einfluss auf die Strukturen der Pfadfinder*innenarbeit und muss daher unbedingt kritisch hinterfragt werden. Die Teilnehmenden diskutieren dazu Möglichkeiten, mit verschiedenen Altersgruppen die komplexen Zusammenhänge und Perspektiven zu bearbeiten.

 

Text: Rebecca Haugwitz

Fotos: Silas Bahr

Friede, Demokratie, Umwelt, Diversität – Globale Herausforderungen in der Pfadfinder:innenpädagogik

Ernst M. Felberbauer, Philipp Lehar

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Politische Einstellungen und politisches Interesse Jugendlicher: Ergebnisse der Shell-Jugendstudien

Ulrich Schneekloth, Leiter des Forschungsbereichs „Familie, Bildung, Bürgergesellschaft“

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